Der Hahn kräht nie mehr in meinem Dorf
Über mich Ich bin in einer religiösen Familie der Mittelschicht an einem Freitag geboren. Deshalb werde ich Joma (Freitag) genannt. Gott sei Dank bin ich nicht an einem Montag geboren. Mein Vater und mein Großvater waren Dorfführer. Mein Vater hatte zwei Frauen. Die erste Frau und ihr Sohn sind an Tuberkulose gestorben. Meine Mutter war vierzehn Jahre alt, als sie mit meinem Vater verheiratet wurde. Sie brachte neun Kinder zur Welt. Trotz der vielen Kinder arbeitete sie gemeinsam mit meinem Vater auf dem Feld. Von den neun Geschwistern leben meine Schwester und ich in Österreich. Ich weiß es nicht, wie uns unsere Eltern aufziehen konnten. Ich glaube, es ist ein Wunder, dass ich am Leben bin. Unsere Eltern dachten nie an unsere Bedürfnisse, und sie hatten keine Angst mehrere Kinder zu haben, sondern fürchteten wenige Kinder zu bekommen. Sie dachten mehrere Kinder seien ein Segen von Gott. Vielleicht sind die folgenden Punkte der Grund für mehrere Kinder: mein Vater glaubte, die Menschen müssen die Erde bevölkern meine Mutter glaubte, dass jeder offene Mund einen Bissen bekommt ich hörte von meiner Mutter, dass mehrere Kinder Macht für die Familie bedeutet man glaubte sich zu vermehren ist von Gott gelenkt In meinem Dorf lebte man in Ruhe und Zufriedenheit. Mein Vater war Dorfführer und hatte mehrere Kinder. Mittlerweile kamen die Dorfbewohner mit allen wichtigen Anliegen zu meinem Vater. Er besaß ein fruchtbares Grundstück. Die Kinder vom Dorf und ich gingen vormittags zur Schule und am Abend in die Koransschule. Mein Dorf erwachte mit dem Hahnenschrei. Die Arbeit der Dorfbewohner begann, wenn der Hirte mit seiner Herde eine Staubwolke hinterließ. Bei Sonnenuntergang fingen die Kinder zu spielen an, und die jungen Frauen holten Wasser in Krügen aus dem Fluss. Die jungen Männer hatte die Chance die jungen Frauen aus dem Augenwinkel heraus zu beobachten. Die Frauen und Großmütter fingen an die Schafe zu melken. Wenn die Sonne untergegangen ist, kehrte wieder Ruhe im Ort ein. Daran erinnere ich mich, wenn ich an mein Dorf denke. Es gibt auch Dinge, die ich vergessen wollte, und ich auch nie mehr darüber reden will. Aber trotzdem rede ich darüber: In mein Dorf kamen fremde und sonderbare Dinge, von denen die Leute nicht den Namen kannten, aber sie lernten schnell sie zu benützen. (Kalaschnikow) Danach lernten die Leute mit Stenger umzugehen. Das Geräusch der Waffen ersetzte den Hahnenschrei. Nun lagen viele junge Männer im Blutbad. Darum habe ich mein Land im Alter von 9 Jahren verlassen. Ich dachte die Welt besteht nur aus meinem Dorf. Als ich mich eine Stunde von meinem Ort entfernte, sah ich andere Menschen mit langen Bärten, großen Augen und abgetragenem Turban. Diese Leute versperrten mir den Weg. Die Leute richteten die Kalaschnikow auf den Chauffeur und sagten: Ihr seid alle Hasara, also ungläubige Menschen." Ich lernte in der Koranschule wer ungläubige Menschen sind, wusste aber nicht was Hasara bedeutete. Ich antwortete: Wir sind keine ungläubigen Menschen, ich kann den Koran vortragen." Daraufhin bekam ich eine kräftige Ohrfeige. Ein anderer Mann erlaubte mir einen Koranvers vorzutragen. Von allen anderen, die mit mir waren, wurde Geld verlangt, ich musste nichts bezahlen. Danach durften wir weiterfahren. Wir mussten fünf Tage lang geheim durch Pashtunen-Gebiet fahren. Immer wenn ich Männer mit langen Bärten und großen Augen sah, fing ich an Koranverse vorzutragen. Ab diesem Zeitpunkt kümmerten sich die anderen Passagiere um mich. Schließlich kamen wir in Pakistan an und fuhren illegal weiter in den Iran. Ich lebte 10 Jahre im Iran. Mein Vater schrieb mir einen Brief: Mein Sohn, du solltest nach Hause zurückkehren, bei uns sind viele Menschen gestorben und auch ich werde bald sterben, aber ich muss noch eine Frau für dich suchen, das ist meine Pflicht als Vater. Deine Mutter hat dich auch vermisst und sie hat ein schönes Mädchen für dich gefunden, so Gott will." Zu diesem Zeitpunkt war ich sehr jung und wünschte mir auch zu heiraten. In letzter Zeit hatte ich immer wieder heim weh und wollte in meine Heimat zurückkehren. Aber ich hatte immer noch diese Angst in mir: Werden mir die Leute mit den langen Bärten und ihren weiten Gewändern wieder den Weg absperren? Werde ich wieder illegal nach Hause zurückkehren? Werde ich illegal in meiner Heimat leben? Werde ich ungläubiger Mensch genannt werden? Ich kehrte illegal nach Hause. Meinen Vater konnte ich nicht mehr sehen, er war schon verstorben. Meine Mutter trug Trauerkleidung. Mein Vater hinterließ ein Testament. Laut Vaters Testament sollte ich das Mädchen, das er ausgesucht hat, heiraten. In meinem Land ist es Tradition, dass man heiratet, wen die Eltern aussuchen. Es wurden die Brautleute aus den Familien der Bekanntschaften ausgewählt. Das heiratsfähige Alter beginnt mit fünfzehn Jahren. Die Frauen müssen bis zu einem Alter von fünfundzwanzig Jahren verheiratet sein. Es gibt nur wenige Frauen, die mit 30 Jahren noch nicht verheiratet sind. In manchen Stämmen können sich die Frauen und Männer keine Heirat leisten. Die traditionelle Heirat dauert ewig an, die Ehepartner denken nie daran einander zu verlassen. Eine Scheidung wäre eine Schande. Eine geschiedene Frau wird nicht mehr geheiratet. In manchen Stämmen muss die Witwe den Bruder des verstorbenen Mannes oder jemanden aus der Verwandtschaft heiraten, sie kann nicht selber einen Mann auswählen. Die Frau muss bei ihrem Mann bleiben, auch wenn er grausam zu ihr ist. In der traditionellen Ehe besprechen die Eheleute ihre Probleme untereinander nicht mit anderen. Es ist eine große Schande, wenn der Nachbar erfährt, dass die Eheleute Streit hatten, aber wenn die Eheleute einander vertrauen sind sie glücklich. Als ich mein Land verlassen musste, wartete meine Frau drei Jahre auf mich und kümmerte sich um unsere Kinder. Auch ich dachte immer an meine Frau, und dass wir wieder zusammen kommen können.
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